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Ulrike Halbe-Bauer


Ulrike Halbe-Bauer © Ulrike Halbe-Bauer
Ulrike Halbe-Bauer
1949
Warendorf
Freiburg
Rheinschiene von Basel bis Köln, Raum Nürnberg
Münsterland, Rheinschiene, Westfalen komplett, Rheinland komplett
Prosa
Barbarastraße 7
79106 Freiburg

Arbeitsproben (3)

 

Aus: OLYMPIA MORATA

Ferrara 1530
Für die Kinderfüße waren die Treppenstufen viel zu hoch. Auch fehlte ein Halt am Geländer, denn so weit reichte der Arm noch nicht hinauf. Das kleine Mädchen setzte den rechten Fuß vorsichtig auf die nächstuntere Stufe, ließ das zweite Bein folgen, überquerte den breiten Tritt mit zwei trippelnden Schritten, bevor sich das gleiche Schauspiel wiederholte. Hin und wieder hielt sie ein, kämpfte mit dem Gleichgewicht. Endlich war das untere Stockwerk erreicht. Ohne Aufenthalt hüpfte sie vergnügt weiter, auf die Tür am Ende des Ganges zu. Dort zögerte sie einen Augenblick, wischte sich mit dem Ärmel über das erhitzte Gesicht, wartete, ließ ihren Atem zur Ruhe kommen. Schließlich reckte sie sich nach dem Griff der Tür und zog ihn zu sich herunter. Doch auf halbem Weg rutschte er ihr aus der Hand, schnappte mit einem knackenden Geräusch wieder hoch. Beim zweiten Versuch fasste die Hand ihn fester, der Arm zog rascher, so dass das Schloss aufsprang und das Kind die schwere Holztür einen Spalt aufschieben konnte, der ihm erlaubte, in das Zimmer hineinzuschlüpfen.
Sie warf nur einen kurzen Blick auf die Wiege, die am Fenster des Zimmers stand, durchquerte zielbewusst den Raum und erkletterte den hohen Schreibstuhl am Pult. Vorsichtig nahm sie das kleine Messer, das dort bereitlag, in die Hand, spitzte sorgfältig eine Feder zurecht, legte ein Blatt Papier vor sich auf die Schreibplatte, tauchte schließlich das Schreibgerät in das Tintenfass. Bevor sie die Spitze auf dem Papier ansetzte, strich Olympia den Federkiel noch einmal am Rand des Tintengefäßes ab. Beim Ansatz müsse man besonders aufpassen, hatte der Vater gesagt, da entstehe nur zu leicht ein Klecks. Doch Ansatz und Aufwärtsbogen gelangen makellos; die Feder leicht drehen, ein scharfer Winkel, bloß die Finger lockerlassen, nach unten ziehen, eine neue Kehre, ein neuer Bogen. Das Mädchen reihte Buchstabe an Buchstabe, bis die Linie fast unmerklich dünner zu werden begann. Erneut wurde die Feder in die Tinte gehalten, abgestreift - und nun kam der entscheidende Augenblick, denn der Vater hatte ihr erklärt, der Neuansatz dürfe für das Auge nicht erkennbar sein. Vor Anstrengung war das Gesicht erglüht, die Zunge drückte immer fester gegen die untere Zahnreihe, schob sich zwischen die Lippen. Auf der hohen Stirn hatte sich eine Falte gebildet. Aus großen, dunklen, sehr wachen Augen blickte das Mädchen auf sein Werk. Endlich stellte es die Feder in den Halter und versuchte die Hand zu entspannen. Der Vater schätzte es gar nicht, wenn Hand und Gesicht zu viel von der Anstrengung verrieten, die sie die Schreibarbeit kostete, wenn die Flügel ihrer langen, schmalen Nase zu beben anfingen und der Mund sich unter dem Druck der Zunge verzog.
Oh, Schreiben war schwer! Nicht das Erlernen der Buchstaben, die hatte sie sich schon bei der ersten Vorstellung einprägen können, nein, der Umgang mit Feder und Tinte war das Problem, da die Feder leicht brach und die Tinte ständig klecksen wollte, verlaufen oder in anderer Weise die Linie verderben.


Aus: PROPHETEN IM DUNKEL

Eine Klappe neben der Tür fiel herunter, und eine Frau steckte ihren Kopf heraus.
"Hach, schon wieder Suppenesser", kreischte sie. "Wo soll man nur die ganze Suppe hernehmen, wenn einem die Bettler die Tür einrennen?"
"Mit Verlaub", antwortete Vater höflich und verbeugte sich. "Ich suche einen Dienst für meine Tochter. Vielleicht braucht Ihr eine Magd. Meine Kunne ist anstellig, willig und an harte Arbeit gewöhnt."
Das runde weiße Gesicht färbte sich rot. "Wo kämen wir hin, wenn wir allem Bettelpack auch noch ein Obdach gäben? Schert euch fort!"
Sie wollte gerade das Fensterchen zuknallen, als sich aus dem Hausinneren eine ruhige Stimme vernehmen ließ: "Hille, was ist da los? Wie oft soll ich dir noch sagen, daß du jedem einen Teller Suppe geben sollst?"
"Aber Herr", gab die Frau zurück, "er will keine Suppe, er will das kleine magere Ding da draußen als Magd hierlassen."
"Laß sehen", sagte die Stimme. Dann hörte man Tritte auf dem Steinboden, ein Riegel wurde zurückgeschoben, und die dicke Holztür öffnete sich. Vor mir stand ein stattlicher Herr in vornehmen Kleidern, der freundlich auf mich herabsah. Die kräftigen Farben seines grün-roten Wamses blendeten mich fast. Wie jämmerlich mußte mein erdfarbener Bauernkittel aus Hanf auf ihn wirken. Ich hätte vor Bewunderung und Ehrfurcht die Lider niedergeschlagen, wenn nicht sein Blick meine Augen festgehalten hätte.


Aus: MEIN AGNES

Plötzlich fühlt Agnes, wie der Wind ihr Haar erfaßt, ihr Boot in Bewegung gerät und eine Drehung vollführt. Es liegt nun nicht mehr ruhig auf dem Wasser, sondern hebt und senkt sich in gleichmäßigem Rhythmus. Verstohlen wandert Agnes’ Blick zu den Ruderern. Da geht ein dumpfes Raunen durch das Boot; Albrecht greift nach ihrer Hand und zieht sie nach links hinüber, deutet mit dem Arm nach vorn über die Lagune.
Agnes blinzelt, das Sonnenlicht ist hell, die Strahlen brechen sich auf den Wellen, so daß es blinkt und glänzt. Doch dann stockt ihr der Atem: vor ihr ragen Türme, Kuppeln und Dächer aus dem Wasser, golden blitzend erheben sie sich aus dem Meer... unwirklich in ihrer Pracht, ein Märchen. Sie schaut zu Albrecht hoch, der mit offenem Mund dasteht und staunt. "O Agnes", flüstert er. "Wir sind wirklich da." Die Türme scheinen aus der Lagune auf sie zu zu wachsen, werden größer, immer riesiger, schließlich können sie einzelne Häuser unterscheiden, einen breiten Kanal, eine Insel. Das Schiff umfährt die Insel und biegt dann in die Hafeneinfahrt ein.
"Der Dogenpalast", flüstert Albrecht.
Wirklich, keiner der Venedig-Fahrer hat übertrieben. Ein schneeweißer Palast mit offenen Laubengängen, auf die noch vergoldetes Maßwerk gesetzt ist. Wie feinste Spitze! Rote Rundbögen und Querstreben vervollständigen die Pracht. Dahinter mächtige Kuppeln, die mit unzähligen Türmchen und Figuren geziert sind.
Die lauten Rufe des Schiffers lassen Agnes zusammenfahren. Um sie herum ist das Wasser plötzlich mit kleinen Ruderbooten bedeckt, von denen viele tiefschwarz angestrichen sind. Agnes, bemerkt, wie Albrecht erschrickt, und legt ihre Hand auf seinen Arm. "Todesboten", flüstert er. "Seltsam, daß diese prachtvolle Stadt als Begrüßung ihrer Gäste solch schwarze Vögel aussendet. Wenn das nur nichts Schlechtes zu bedeuten hat." Ein Schatten ist über sein Gesicht geglitten, doch dann wirft er den Kopf in den Nacken, als wollte er diesen Gedanken von sich abschütteln, und schaut wieder auf den Glanz der Stadt.
Agnes spürt jetzt, wie ihr das Herz klopft. Sie fühlt sich überwältigt, weiß mit diesem Ansturm der Gefühle nichts anzufangen. Tapfer beißt sie die Zähne zusammen; sie will doch gar nicht staunen, schließlich ist sie Nürnbergerin und sie haben in Nürnberg sogar eine Kaiserburg, die der Kaiser, der höchste Herr im deutschen Reich, regelmäßig mit seinem prächtigen Gefolge besucht.
Es dauert eine Weile, bis das Boot, das von den Gondeln umschwärmt wird, angelegt hat und ausgeladen ist. Schließlich stehen Albrecht und sie neben ihrem Gepäck am Kai. "Was machen wir jetzt?" fragt Agnes unsicher. "Jetzt sollten wir eine der Gondeln nehmen und zur deutschen Niederlassung fahren", gibt Albrecht zurück, macht aber keine Anstalten, irgend etwas zu tun. Sein Blick haftet am Dogenpalast, tastet ihn Säule für Säule, Fenster für Fenster ab. Selbst als ihn einer der aussteigenden Bootsgäste anrempelt, lenkt das seine Augen nicht ab. Agnes schaut hilfesuchend um sich.


Geboren 1949 in Warendorf. Studium der Germanistik und Geschichte in Münster und Freiburg. Einjähriger Schottlandaufenthalt. Referendariat und Lehrtätigkeit an Hamburger Gymnasien. Seit 1979 lebt und arbeitet sie in Freiburg. Mitglied im Literatur Forum Südwest und der GEDOK.

Claire. TB Wellhöfer: Mannheim 2019.
Schwalben über dem Fluss - 1848 in Baden. TB. Wellhöfer: Mannheim 2017.
Mein Agnes. Die Geschichte der Agnes Dürer. TB. Wellhöfer: Mannheim 2013 (vorher Brunnen; 2. Auflage 2017).
Olympia Morata. In Heidelberg lockte die Freiheit, TB. Wellhöfer: Mannheim 2012 (vorher Brunnen).
Ich mache es auf meine Art / Bedeutende Künstlerinnen. Erzählende Kurzbiografien. Ulrike Halbe-Bauer / Brigitta Neumeister-Taroni. Belser: Stuttgart 2011.
Er, ich und die Kunst / Die Frauen der Künstler. Erzählende Kurzbiografien. Ulrike Halbe-Bauer / Brigitta Neumeister-Taroni. Belser: Stuttgart 2010.
Margarete Steiff. Ich gebe, was ich kann. Romanbiografie. Brunnen: Giessen/Basel Juli 2007 / 3. Auflage Januar 2008.
Mein Agnes. Die Frau des Malers Albrecht Dürer.... TB. Brunnen: Gießen/Basel 4. Aufl. 2008.
Kunne, die Magd. Übersetzung ins Holländische: De verscheurde stad, Barnabas. Brunnen TB: Gießen/Basel Frühjahr 2007.
Kunne die Magd. Brunnen TB: Gießen/Basel 2005.
Olympia Morata. Das Mädchen aus Ferrara. Romanbiografie. Brunnen: Gießen/Basel 2004.
Mein Agnes. Die Frau des Malers Albrecht Dürer. Biographischer Roman. Stieglitz: Mühlacker 1996. (2. Aufl. 1997. Übersetzt ins Estnische.). TB: Brunnen: Gießen/Basel 2002.
Paracelsus. Verachtet, gefeiert, gejagt. Historischer Roman. Stieglitz: Mühlacker 1992.
Propheten im Dunkel. Kunne Brockötter erzählt vom Täuferreich zu Münster. Erzählung. Münster 1984 (2., überarbeitete Fassung mit dem Untertitel: Vom Täuferreich zu Münster. Westfälisches Dampfboot: Münster 1992).

Hörbild für das Albrecht-Dürer-Haus in Nürnberg. BR: 1998 (als Führung durch das Albrecht-Dürer-Haus aus der Perspektive Agnes Dürers dort über Kopfhörer in fünf Sprachen zu hören.)

Übersetzungen
Auswahl (alle zusammen mit Manfred Halbe):
Lawrence Gowing: Matisse. Lichtenberg: München 1997.
Colin Eisler: Dürers Arche Noah. Tiere und Fabelwesen im Werk von Albrecht Dürer. Droemer Knaur: München 1996.
Michael Raeburn, Alan Kendall (Hg.): Geschichte der Musik. Bd. 2: Beethoven und das Zeitalter der Romantik, Kindler/Schott: München 1993.
Nigel Kennedy: Spielen ist alles. Kindler: München 1992.
A. Jefferson: Lotte Lehmann. Eine Biographie. Schweizer Verlagshaus: Zürich 1991.
J.C. George: Stimme aus den großen Sümpfen. Aare: Solothurn 1985.
P. Danziger: Da helfen nur noch Pistazien. Sauerländer: Aarau 1984.

Lexikoneinträge:
Westfälisches Autorenlexikon. Hrsg. von Walter Gödden und Iris Nölle-Hornkamp. Bd. 4: 1900 bis 1950. Schöningh: Paderborn 2002.
Kürschners deutscher Literaturkalender. Hrsg. von W. Schuder. Berlin, New York 1998.
Manfred Brauneck (Hg.): Autorenlexikon deutschsprachiger Literatur des 20. Jahrhunderts. Reinbek (Rowohlt) 1996.
Wilhelm Kosch: Deutsches Literaturlexikon. 3., völlig neu bearb. Aufl. hrsg. von Siegmar Hohl, Carl Ludwig Lang. Ergänzungsbd. 2. Bern, München 1994.
Gisela Schwarze: Westfälisches Autorenverzeichnis. Münster 1993.
Ludwig Janssen: Literatur-Atlas NRW. Ein Adreßbuch zur Literaturszene. Köln 1992.
Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Verlag edition Text und Kritik: München.

Vorträge und Lesungen (auch als Gespräche mit Schülern) hält die Autorin über:

Szenen aus den Hungerjahren 1846/47 und der badischen Revolution (Lesung mit historischen Erläuterungen aus dem Roman "Schwalben über dem Fluss").

"Margarete Steiff. Ich gebe, was ich kann". Der Roman eignet sich auch als Grundlage für ein Gespräch mit Schülern (ab Klasse 7) über den Beginn der Industrialisierung und die rasanten Veränderungen der Lebensbedingungen am Beispiel einer Kleinstadt (Giengen an der Brenz).

Die Bürgersfrau im 16. Jht., u.a. am Beispiel der Agnes Dürer und anderer Künstlerfrauen.

Das Leben der ersten deutschen Hochschullehrerin Olympia Fulvia Morata (1526-55) als literarisches Wunderkind in Ferrara und an der Universität Heidelberg.

Auskunft Autorin, Eigenrecherche, Westfälisches Autorenlexikon. Hrsg. von Walter Gödden und Iris Nölle-Hornkamp. Bd. 4: 1900 bis 1950. Verlag Ferdinand Schöningh: Paderborn 2002.

Aktualisiert 01.07.2021