Filter öffnen
M  W  D  Alle

Mariana Leky


LITon.NRW Autor*innen
Mariana Leky
1973
Köln
Köln
Rheinschiene, Rheinland komplett
Prosa
Amsterdamer Straße 192
50735 Köln

Arbeitsproben (1)

 

INNENANSICHT

Max lacht.
Ich habe mal versucht, wegzugehen, einfach so und als ich gerade damit angefangen hatte.
Ich habe alles Wichtige in einen Karton gepackt, mein Zimmer abgeschlossen und den Schlüssel auf den Türrahmen gelegt.
Auf der Treppe traf in meine Vermieterin, sie zupfte Flusen aus dem orangeroten Läufer. Als sie mich sah, richtete sie sich auf. "Mit Ihrer Vorgängerin, das war ja nichts", sagte sie. "Mit Ihnen sind wir sehr zufrieden. Sie sind so unkompliziert, man hört sie kaum."
Die Vermieterin sagt das fast jedesmal, wenn sie mich sieht, und diesmal sagte sie noch so einiges von Mann und Kind und Läufer und machte sich breit auf der Treppe. Ich bin dann wieder zurückgegangen in mein Zimmer, weil man nicht immer nur was anfangen kann, sondern auch mal was zu Ende machen machen muß und richtig.
"Besser in einer großen Buchhandlung", hatten meine Eltern gesagt, nachdem ich Abitur und danach ein Jahr lang alles mögliche angefangen und unrichtig gemacht hatte, und dann ging es sehr schnell. "Sehr geehrte Damen und Herren", schrieb ich, in geschwungener, ausladender Schrift, weil ausladende Schrift hinweist auf ein ausladendes Selbstbewußtsein, "Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit bewerbe ich mich." Vierundzwanzigmal ein Brief, ein Zeugnis, ein tabellarischer Lebenslauf, vierundzwanzigmal mein erschrockenes Paßbildgesicht.

Die Buchhandlung ist ein Glashaus mit einer Drehtür, die viel zu schnell läuft. Im Untergeschoß gibt es eine Cafeteria mit zehn runden Marmortischen und einer Bar mit Glasvitrine, in der die aktuellen Angebote ausgestellt sind, Torten, gefüllte Croissants und Crepes.

Der Geschäftsführer der Buchhandlung saß an einem der Marmortische, und als er mich sah, sprang er auf und streckte mir eine kleine Hand entgegen. Der Geschäftsführer ist kurz und eckig, als zwänge man ihn jede Nacht in einen Schuber. Er fragte mich, ob ich ein offenes Wesen hätte und nach meiner Konfektionsgröße. "Ja", sagte ich, "sechsunddreißig."
"Wunderbar", lachte der Geschäftsführer und drückte mir eine Leinentasche gegen die Brust, "auf gute Zusammenarbeit."

Im Bus guckte ich in die Tasche. Darin waren ein vergoldeter Kugelschreiber, ein Notizbuch, ein Lesezeichen, auf dem in goldener Schreibschrift Lies mich stand, ein verschweißtes, himmelblaues Autorenlexikon und ein Ansteckschildchen mit der Aufschrift: "Ich bin neu und tue mein Bestes."

Max treffe ich zum ersten Mal am Dienstag. Dienstags kommt Herr Kirschbaum, um sein Mathematikbuch zu kaufen. Das erste Mal brachte er seine Enkelin mit, er zog sie an der Hand hinter sich her und ging mit riesigen Schritten auf die Theke zu, über der ein Schild mit einem breiten i hängt. Herr Kirschbaum wußte keinen Verfassernamen, keinen Titel, keinen Verlag und keine Bestellnummer. "Mein Mathematikbuch ist rot", sagte Herr Kirschbaum und mehr nicht. "Er spinnt", sagte seine Enkelin, "geben Sie ihm irgendeins."
Seitdem verkaufe ich Herrn Kirschbaum rote Bücher, jeden Dienstag. Die Mundorgel, vegetarische Kochbücher, Kriminalgeschichten, fünfmal schon Doktor Schiwago im Taschenbuch. Wenn es hektisch ist, nehme ich eins von den Universitätstaschenbüchern. Wenn es nicht hektisch ist, stelle ich manchmal Experimente an mit violetten oder altrosafarbenen Büchern. Während ich Neulieferungen auf den Tisch stapele und Bestellnummern notiere, erzählt Herr Kirschbaum von seinem Mathematiklehrer, der meint, das Wesen der Wirklichkeit sei die Zahl.

Meistens kommen Leute mit einer Bestellnummer. Ich schreibe die Nummer auf einen rosa Zettel, den der Praktikant zur Bestellabteilung bringen soll. "Kommen Sie in einer Woche wieder", sage ich.

Der Praktikant liebt die Praktikantin in der Remittendenabteilung. Manchmal erzählt er von ihr, wenn wir Bücher einsortieren und er die Kisten hinter mir schleppt, von Regal zu Regal. Die Remittendenabteilung liegt zwischen dem Geschäftsraum und der Bestellaufnahme. Der Praktikant faltet im Fahrstuhl die rosa Zettel so, daß sie aussehen wie Seifenrosen und schenkt sie der Praktikantin. Die Praktikantin schenkt ihm ein Lächeln dafür und bestenfalls eine Mittagspause. Der Praktikant lächelt ebenfalls und glänzt dabei, deswegen habe ich nichts erzählt.

Nach einer Woche kommen die Leute wieder und sind aufgebracht. "Bei der da hinten habe ich bestellt", sagen sie, "und sie hat versprochen, heut ist es da." (…)


Geboren 1973 in Köln, und lebt heute in Berlin. Buchhandelslehre. Anschließend Studium von Germanistik und Empirische Kulturwissenschaften in Tübigen und Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Von 1994 bis 1996 Zusatzausbildung am Studio Literatur und Theater für Schreibtalente.

2018: Comburg-Stipendium (für: Was man von hier aus sehen kann)
2018: Literaturpreis Bad Schwartau Via Communis (für: Was man von hier aus sehen kann)
2005: Förderpreis für junge Künstler in der Sparte Dichtung/Schriftstellerei des Landes NRW ausgezeichnet (für: Erste Hilfe)
2002/2003: Stipendiatin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg
2001: Niedersächsischen Literaturförderpreis (für: Liebesperlen)
2000: Allegra Preis
1999: Ehrenpreis für die Erzählung "Mehr nicht" im Rahmen des Niedersächsischen Literaturwettbewerbs Junge Literatur

Was man von hier aus sehen kann. Roman. DuMont: Köln 2017.
Bis der Arzt kommt. Geschichten aus der Sprechstunde. DuMont: Köln 2013.
Die Herrenausstatterin. DuMont: Köln 2010.
Erste Hilfe. DuMont: Köln 2004.
Liebesperlen. DuMont: Köln 2001.

"Schwindel", Hörspiel. WDR: 2005 (Erstausstrahlung 2. August 2005, Regie: Klaus Wirbitzky)

Sylvester Dramen. Romanauszug. In: BELLA triste, Nr.7, Herbst 2003.
Jetzt machen wir das immer so. Erzählung. In: BELLA triste, Nr. 0, Herbst 2001.
Lebensversicherung. Erzählung. In: Kölner Stadt-Anzeiger, 08./09.09.2001.
Mit Vergnügen. Erzählung. In: Petra, 09.2001.
Liebesperlen. Erzählung. In: Allegra, 11.2000.
Jahrmarkt. Erzählung. In: Literaturblatt für Baden und Württemberg. 02.1999.
Mehr nicht. Erzählung. In: Die Horen, Band 4/1999.

Zu: Erste Hilfe
Von dreien, die auszogen, das Fürchten zu verlernen: Mariana Lekys erster Roman erzählt von Freundschaften und Angst - ein Erste-Hilfe-Kasten für die Tücken das ganz alltäglichen Lebens. Ihre zaghaften Helden halten zusammen, weil sie sich anders nicht zu helfen wissen. Das Leben stürzt auf sie ein - aufregend, unvorhersehbar, verwirrend.
Die Erzählerin jobbt in einem Kleintierladen. Sie wohnt bei Sylvester, einem Frauenschwarm, der viel damit zu tun hat, sich vor seinen Verehrerinnen verleugnen zu lassen. Bei den beiden klopft eines Abends Matilda an, um zusammen mit den größten Hund der Welt Unterschlupf zu suchen.
Matilda hat ein Problem: Sie glaubt den Verstand zu verlieren. Das durch Not und Zuneigung zusammengeschweißte Trio macht sich auf, ein unsichtbares Ungeheuer zu besiegen. Mariana Leky gelingt es, diesen Kampf gegen Schwindel erregende Windmühlenflügel klingen zu lasen, wie eine Filmkomödie: Ein ebenso vergnüglicher wie bewegender Roman über Panik und andere Plagen. Die Angst überwindet nur, wer sie herausfordert.

Zu: Liebesperlen
Sie hat sich alles so schön vorgestellt . Und ringst um Fastung, wenn es dann nicht ganz so glücklich läuft. Die Erzählerin dieser Geschichte hat es nicht leicht. Mariana Leky zeigt mit Gespür für die Komik des Tragischen eine junge Frau im heiklen Übergang zum Erwachsensein.

"Ich habe mal versucht, wegzugehen, einfach so und als ich gerade angefangen hatte. Ich habe alles Wichtige in einen Karton gepackt, mein Zimmer abgeschlossen und den Schlüssel auf den Türrahmen gelegt." Doch immer kommt etwas dazwischen - eine neue Bekanntschaft, ein Horde Nacktschnecken oder einfach die Vermieterin auf der Treppe. Also macht sie weiter, "weil man nicht nur immer etwas anfangen kann, sondern auch mal etwas zu Ende machen muss und richtig."

Eindringlich, turbulent, charmant: Mariana Lekys junge Erzählerin klopft das Leben ab.

Auskunft Autorin

Aktualisiert 04.07.2021