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Hans Prolingheuer


Hans Prolingheuer © privat
Hans Prolingheuer
1930
Kamen
Dortmund
Dortmund
Hellweg, Ruhrgebiet, Westfalen komplett
Prosa, Funk, Sachbuch
Westenhellweg 114
44137 Dortmund
Deutschland
0231-1654186

Arbeitsproben (1)

 

HITLERS FROMME BILDERSTÜRMER

KAPITEL 1: EIN KUNSTKIRCHLEIN FÜR DAS „DRITTE REICH“

Ostern 1933. Im Evangelischen Johannesstift Berlin-Spandau klingelt das Telefon. Das Auswärtige Amt wünscht den Leiter des Evangelischen „Kunstdienstes“ zu sprechen. „Dringend!“. Es dauert eine Weile, bis der Diakon in der Telefonzentrale endlich herausgefunden hat, wer denn überhaupt mit dem evangelischen „Kunstdienst“ gemeint und in welchem Hause der zu erreichen sei.
Es sind die lauten Herren aus Dresden, die im Brüderhaus für Aufregung sorgen, weil sie ausgerechnet in der Karwoche damit begannen, ihren Einzug ins Stift vorzubereiten. Und der „kleine Dicke, mit dem sächsischen Dialekt“, der seither wie ein Wirbelwind durch die Häuser stürmt, um zu organisieren, was nicht niet- und nagelfest ist, der soll der Oberste der „Kunstdienst“-Leute sein. Schneider ist sein Name.
Und dann nimmt Gotthold Schneider auch schon die erste Weisung der neuen nationalsozialistischen Reichsregierung entgegen: Soeben – am 1. Ostertag – sei „ein Kabel aus Chicago“ eingetroffen, welches das junge Nazi-Deutschland offiziell einlade zur Weltausstellung, die von 1933 bis 1934, unter dem Motto „Ein Jahrhundert des Fortschritts“, in Chicago stattfinde. In der zentralen „Halle der Religionen“, im Zentrum der Weltausstellung, direkt am Michigan-See gelegen, sei für Deutschland ein Kirchlein errichtet worden zur „Ausstellung moderner deutscher Kirchenkunst“. Reichskanzler Adolf Hitler habe die Einladung angenommen. Aufgabe des evangelischen „Kunstdienstes“ sei es nun, in dieser „Kapelle“ das neue „dritte Reich“ mit Exponaten neuer deutscher Kirchenkunst zu repräsentieren. Der amerikanische Handlungsbevollmächtigte, ein Professor Hall, befinde sich schon an Bord eines Schiffes auf der Reise nach Deutschland. Die Angelegenheit sei „brandeilig“, denn die Weltausstellung beginne bereits am 1. Juni 1933 – in knapp sechs Wochen also.
Eine Osterbotschaft ganz nach dem Herzen der beiden evangelischen Kunstvereine Deutschlands, dem Verein für religiöse Kunst in der evangelischen Kirche und ebenjenem evangelischen „Kunstdienst“. Was für eine Wende in der von Kunstvernichtung und Kunstverachtung geprägten Geschichte des Protestantismus! Ausgelöst – auf den Tag genau 400 Jahre nach dem Bildersturm im Ulmer Münster – durch einen einzigen Anruf der neuen nationalsozialistischen Reichsregierung. Für die Dauer eines guten Jahres soll ausgerechnet evangelische Kirchenkunst, das Stiefkind des Protestantismus, das auch der Deutsche Evangelische Kirchenbund lieber privaten Vereinen zur Pflege überläßt, vor den Völkern der Welt Botschafterin des „positiv-christlichen“ deutschen NS-Staates sein!
In diesem Fall aber weiß sich die Kirche in der Verantwortung. Der Deutsche Evangelische Kirchenbund überträgt die Zuständigkeit dem Berliner Evangelischen Oberkirchenrat in der Jebensstraße. Nach Absprache mit dem Reichspropagandaminister bilden die beiden Kunstvereine eine gemeinsame Kommission unter Vorsitz des Karlsruher Kirchenbaumeisters Otto Bartning, einem Freund des Berliner Generalsuperintendenten Otto Dibelius. Die Geschäfte führt Oberkonsistorialrat Wilhelm Banke vom Evangelischen Oberkirchenrat, der auch der Führung des Vereins für religiöse Kunst angehört. Und als am 25. April die Verhandlungen mit Professor Hall im Auswärtigen Amt beginnen, haben Otto Bartning und Kirchenjurist Wilhelm Banke gute Vorarbeit geleistet. Mit den Leihgebern sind schon die meisten Exponate ausgewählt und unter Vorvertrag.

Pläne, Fotos und ein Modell des Kirchleins in der „Halle der Religionen“ erleichtern die Gespräche. Binnen 24 Stunden sind alle technischen, finanziellen und personellen Entscheidungen mit den neuen Nazi-Ministerien und dem Berliner Evangelischen Oberkirchenrat getroffen. Das Reichspropagandaministerium stellt Personenkraftwagen bereit. Mit ihnen oder mit dem Zuge schwärmen die Kommissionsmitglieder in Tages- und Nachtfahrten aus – durch ein jubelndes und zum „Tag der nationalen Arbeit“ in ein Meer von Hakenkreuzfahnen gehülltes Deutschland – in die Ateliers, Kirchen und Museen, um in fünf Tagen vor Ort, zwischen Lübeck und München, Köln und Königsberg, die erforderlichen Leih- und Versicherungsverträge abzuschließen und einen pünktlichen Transport eines jeden Kunstwerkes zum Sammelpunkt im Antikensaal der Berliner Staatsschulen für freie und angewandte Kunst in die Wege zu leiten.


Geboren am 29. März 1930 in Kamen. Dort verbrachte er auch die Schulzeit. In den Jahren 1944 und 1945 war er Kadett der Heeresmusikschule Bückeburg. Seit 1948 leitet er mehrere Kamener Chöre und Musikkurse des städtischen Bildungswerkes. 1951 bricht er das 1950 begonnene Kirchenmusikstudium wegen einer schweren Handverletzung ab. Er wird Volontär und Musikrezensent der Kamener „Westfalenpost“-Redaktion. 1953 nahm er sein Studium der Religionspädagogik auf und examinierte 1955 und 1957. 1956-1959 war er Religionslehrer in Dortmund und Herausgeber/Schriftleiter von "Das Reißbrett – Monatsblatt für evangelische Jugend im Beruf". Seit 1956 ist er verheiratet. 1957 wurde sein Sohn, 1961 seine Tochter geboren. 1959-1993 war er in Kirche, Wissenschaft und Politik als Synodal- und Landesjugendwart, als Hauptabteilungsleiter im Deutschen Evangelischen Kirchentag und Geschäftsführer im Evangelischen Stadtkirchenverband Köln, als Lehrbeauftragter für Evangelische Kirchengeschichte an der Universität Marburg und der Universität/Gesamthochschule Siegen tätig. Prolingheuer war Mitglied des Rates der Stadt Köln und der Landschaftsversammlung Rheinland (1975-1984), der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland und deren Ausschuss für Kirchliche Zeitgeschichte. 1976-1993 nebenberuflicher, danach freier Publizist und Autor von mehr als 150 kirchenhistorisch-kritischen Veröffentlichungen. Seit 1982 Mitglied im Deutschen Schriftstellerverband (VS).

Biografien (in Auswahl):
Der Rote Pfarrer – Leben und Kampf des Georg Fritze (1874-1939). Biographie. 2., neu überarbeitete und erweiterte Ausgabe des Jugenddienst-Verlages Wuppertal von 1981. Pahl-Rugenstein Verlag: Köln 1989.
Ausgetan aus dem Land der Lebendigen – Leidensgeschichten unter Kreuz und Hakenkreuz. Biographie. Neukirchener Verlag: Neukirchen-Vluyn 1983.
„Die Christen an die Front!“ Das evangelische Bekenntnis zu Hitlers Wehr und Waffen. Materialmappe. Verlag Publik-Forum: Oberursel 1989. 2. Auflage 1991.

Hörbild (in Auswahl):
Vom „entarteten Christus“ zur „entarteten Kunst“ – Kirchenkunst zwischen Bekenntnis und Barbarei. Hörbild. Erstsendung DLF: 22.10.1992.
Mit Gottes Wort und Hitlers Waffen. Siegbert Stehmann 1912-1945. Dichter – Pastor – Soldat. Hörbild. Produktion des Süddeutschen Rundfunks Stuttgart (SDR). Regie: Detlef Ihnken. SDR 2: 24.5.1990.
Verraten und verdrängt. Das Schicksal des „nichtarischen“ evangelischen Pastors Ernst Flatow. Hörbild. Produktion des Süddeutschen Rundfunks (SDR). Regie: Günter Guben. SDR 2: 12.5.1988.
Wer das Schwert nicht nimmt... Leben und Sterben des evangelischen Pazifisten Hermann Stöhr (1898-1940). Produktion des Süddeutschen Rundfunks Stuttgart (SDR). Regie: Eberhard Klasse. SDR 2: 18.11.1987.
Kirchenmusik im „dritten Reich“ – Zum 50. Geburtstag einer Kirchenorgel. Hörbild. Produktion des Süddeutschen Rundfunks Stuttgart (SDR). SDR 2: 20.11.1985.
Wenn der Glaube blind macht. Die Deutsche Evangelische Kirche und das Schicksal ihrer zwei „jüdischen“ Kirchenmusiker in den Jahren 1933-1945. Hörbild. Produktion des Süddeutschen Rundfunks Stuttgart. Regie: Hartmut Kirste. SDR 2: 16.11.1983.

Studie im Radio (in Auswahl):
Das kirchliche Wendejahr 1946. Wie sich die Kirchen zur „Widerstandsbewegung“ der Nazizeit verwandelten. Ein historisch-kritischer Rückblick. In: DeutschlandRadio Berlin – Kultur aktuell: 16.11.1996.
Sonderangebot im Auftrage Hitlers. Die evangelische Kirche und die „entartete Kunst“. Norddeutscher Rundfunk. NDR 3 Hörfunkreihe „Thema“: 12.2.1993.
Wieder muß die jüngste Kirchengeschichte korrigiert werden. Norddeutscher Rundfunk. NDR 4 Hörfunkreihe „Neues aus der Christenheit“: 8.11.1992.
„Persilscheine und falsche Pässe“ – Half die evangelische Kirche alten Nazis? NDR 3: 9.10.1992.
„Entjudung von Kirche und Theologie“ – Ein kirchenhistorischer Rückblick. HR2: 21.5.1989.
Das Ende, das kein Anfang war – Das Stuttgarter Schuldbekenntnis vor 40 Jahren. Deutschlandfunk: 18.10.1985.
Julio Goslar – Ein jüdischer Kirchenmusiker im „Dritten Reich“. WDR 3: 14.11.82.

Kirchenmusik unterm Hakenkreuz. Produktion des Westdeutschen Rundfunks. Leitung: Eberhard Honigmann. Reihe: Gott und die Welt. WDR 3: 16.11.1985.

www.kirchengeschichten-im-ns.de
Eine Auswahl aus den mehr als 150 kirchenhistorisch-kritischen Publikationen des Autors seit 1977: neue Studien, immer wieder nachgefragte Sendemanuskripte von Hörbildern und Radiodokumentationen sowie noch unveröffentlichte Vorträge.

Hitlers fromme Bilderstürmer – Kirche & Kunst unterm Hakenkreuz. Dittrich Verlag: Köln 2001.
Kirchenwende oder Wendekirche? Die EKD nach dem 9. November 1989 und ihre Vergangenheit. Streitschrift. Nachwort von Walter Kreck. Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger: Bonn 1991.
Wir sind in die Irre gegangen! Die Schuld der Kirchen unterm Hakenkreuz. Pahl-Rugenstein Verlag: Köln 1987.
Kleine politische Kirchengeschichte – 50 Jahre evangelischer Kirchenkampf 1919 bis 1969. Pahl-Rugenstein Verlag: Köln 1984 (2. Auflage 1985, 3. Auflage 1987).
Der Fall Karl Barth 1934-1935 – Chronographie einer Vertreibung. Neukirchener Verlag: Neukirchen-Vluyn 1977. 2. Auflage 1984.

Studie in der Anthologie (in Auswahl):
Hugo Distler (1908-1942) – Der Zeitgenosse und seine Legende. Andreas Distler gewidmet. Studie. In: Die Dunkle Last – Musik und Nationalsozialismus. Brunhilde Sonntag/Hans-Werner Boresch/Detlef Gojowy.(Hg.). Bela Verlag: Köln 1999.
George Grosz, die Kirche und das Evangelium. Zum 100. Geburtstag des Malers und Graphikers. Vortrag am 12. November 1993 im Berliner Dom. In: Herausgeforderte Kirche. Anstöße – Wege – Perspektiven. Eberhard Busch zum 60. Geburtstag. Christoph Dahling-Sander/Margit Ernst/Georg Plasger (Hg.). foedus verlag: Wuppertal 1997.
Die „Entjudung“ der deutschen evangelischen Kirchenmusik zwischen 1933 und 1945. In: Dietrich Schuberth (Hg.): Kirchenmusik im Nationalsozialismus. Verlag Merseburger: Berlin und Kassel 1995.
„Entjudung von Kirche und Theologie – Dargestellt am Beispiel des Eisenacher evangelischen „Entjudungsinstituts“. In: Vom protestantischen Antijudaismus und seinen Lügen. Christian Staffa/Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt (Hg.). Akademie-Verlag: Wittenberg 1993. Band 1.
Friedrich von Bodelschwingh. „Allezeit danken“. In: Die Menschenfreundlichkeit Gottes bezeugen. Diakonische Predigten von der Alten Kirche bis zum 20. Jahrhundert. Gerhard K. Schäfer (Hg.). Hubert Frankemölle/Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Paderborn (Hg.): Opfer und Täter. Zum nationalsozialistischen und antijüdischen Alltag in Ostwestfalen Lippe. Verlag für Regionalgeschichte: Bielefeld 1990.

Studie in der Zeitschrift (in Auswahl):
Bernhard A. Boehmer – Barlach-Freund und Retter zahlloser Werke „entarteter Kunst“. In: Barlach-Journal 1997-1998. Texte – Reden – Kritik. Hamburg/Ratzeburg 2000.
Das Ende der Legende vom antifaschistischen Kampf der Bekennenden Kirche im Nazi-Staat. In: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel Nr.19: Frankfurt/M 1989.
Der „unpolitische Karl Barth“ als Lehrer der Kirche 1933-1935? Eine Politische Legende! In: Reformierte Kirchenzeitung: Neukirchen-Vluyn 15.4.1989.
Wider die „Träume von einer besseren Vergangenheit“. In: Junge Kirche – Eine Zeitschrift europäischer Christen: Bremen 10/1988.
1937 – Das Jubeljahr des Oskar Söhngen – Zum „Fest der deutschen Kirchenmusik“ vor 50 Jahren. In: Neue Stimme: Köln 10/87.
Die königliche Mitarbeiterin des Reichsparteitages. Zum 50. Geburtstag einer Kirchenorgel. In: Zeitschrift für Musikpädagogik Nr. 33: Regensburg Januar 1986.
Das Stuttgarter Schuldbekenntnis. 1. Teil: Die Verdrängte Schuld. In: Junge Kirche: Bremen 8-9/1985.
Das Stuttgarter Schuldbekenntnis. 2. Teil: Bekenntnis zwischen Wahrheit und Unwahrheit. In: Junge Kirche: Bremen 10/1985. Genannt „Sportpalast-Krause“ – Der Lebensgang des Reinhold Krause vor und nach dem 13. November 1933. In: Junge Kirche: Bremen 2/1985. Kirchenmusik nach 50 Jahren: Deutsch und judenrein. Zwischen Wiedergeburt und Wiedergutmachung. In: Zeitschrift für Musikpädagogik Nr. 40: Regensburg Mai 1984.
Der ungekämpfte Kirchenkampf 1933-1945 – Das politische Versagen der Bekennenden Kirche. In: Neue Stimme Sonderheft 6: Köln 1983. Die „judenreine“ deutsche evangelische Kirchenmusik. Vier Folgen in: Junge Kirche (11/1981, 3/1982, 5-6/1983, 6/1986). Bremen.
Kirchenkampf vor 1933 – Ein Kampf gegen die Weimarer Republik. In: Neue Stimme Sonderheft 5: Köln 1980.

Martin Niemöller. Ein Lesebuch. Von Dahlem nach Dachau. Biographie. Hans Joachim Öffler/Hans Prolingheuer/Martin Schuck/Heinrich Werner/Rolf Wischnath (Hg). Pahl-Rugenstein Verlag: Köln 1987.

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Aktualisiert 20.01.2020