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Kerstin Kempker


Kerstin Kempker © Bernd Suchland
Kerstin Kempker
1958
Wuppertal
Berlin
Bergisches Land, Rheinland komplett
Prosa

Arbeitsproben (1)

 

Aus: UND ABENDS AUF DEM ENTENSTRICH. VERLORENSUCHE ZU LAND UND ZU WASSER (Prolog)

Die Schonzeit ist vorbei

Wie wäre das schön, zurück in die Schonzeit, wo Herzen noch tropfweise bluten. Nun schlagen wir für einen neuen Feind und gegen den Wirt, denn der Frischling wächst heran zum Überläufer, es gibt kein Zurück.
Erst keine Entscheidung und dann, wer gibt ihn, ein Schwung. Er treibt dich hinein. Kein Unterwanderer, Hinterbringer, kein Anleger sein. Aus dem Überstehen übergehen in den Lauf und über den Lauf dann spüren, dass du es bist, ein Überläufer.
Dieses Zuviel und seine Brüder, die Überträger und Überspringer, ist unbedacht. Im Regen nicht stehen, aber laufen, die Schonzeit abgeschafft, die Ruhe abgeschafft.
Laus über Leber, die Galle läuft mit, herzüber ins Volle und laufend, am laufenden Band Glitzerherzen, Blinkerherzen, Puckerherzen und Puderzucker. Im Laufen schlagen sie, überschlagen sich, mich – das muss ich mal überschlagen, ob sich das lohnt und was dabei rausspringt –, Herzüberschlag und Umschwung, die Extrasystole.
Jedes Mal beginne ich neu zu zählen, bei Null, wo sonst. Arhythmie, das ist normal, heißt es; aber es läuft mir davon, springt mir, ein Tier, aus dem Hals. Mein müder Muskel, ich brauche dich noch. Bleib hier in deinem Kämmerlein, gib Ruh, schau zu, dass Ruhe wird. Jetzt aber, still.
Über das Laufen unterlaufen mir Fehler, blutige Kardinalfehler fitschen durchs Netz, nicht zu greifen, kaum zu sehen, so flink. Über den Unter- und unter den Überläufern laufe ich, Ü-U, Ü-U, das ist das Herz, der Herzalarm, den hört doch keiner. Über, unter, vor und hinter mir gilt nicht, ich komme. Ich kriege euch, alle.
Weil mir die Augen übergehen, das ist die Gier, das Fieber der Jagd. Heute hole ich mir eure kleinen puckernden Herzen. Ich rieche euch, Eisen. Höre euch Sauerstoff schnappen, diesmal noch und dann, ist es endlich still.
Die Schonzeit ist vorbei, und weil wir, längst keine Frischlinge mehr, nichts zu verlieren haben, schöpfen wir aus dem Vollen. Aus allen Wolken fallen wir und fluten Wiesen, Schafe und Dörfer. In reißendem Strom über die Ufer sprudeln und springen wir aus allen Mündern und münden schließlich im Meer. Schlagen uns neue Ufer, der Puls der Zeit ist altes Rot. Kein Grün mehr, kein Acker bleibt liegen, die Flüsse verlassen ihr Bett. Wir sind der Überfall, jagen unsere Jäger in sinnlose Flucht, ersäufen ihr Seufzen, fluten die Flinten. Nichts trifft mehr ins Schwarze, weil nichts mehr schwarz ist, sind wir erst überall.
Schlachtwarme Springflut, da ist kein Stocken, kein Innehalten, erst recht keine Grenze, nichts Festes. Wer auf die Bäume flieht, soll fliegen lernen oder sich bald ans Ersaufen machen. Wir sind schon da. Es sind nicht die Engel, die backen. Überlaufende Herzen, vom Himmel kopiert, schwappen über die Ränder der Meereswannen und haben längst die Berge umzingelt. Die schmelzen dahin. Ihr lieben Kleinen, ehemals Großen – ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, wer zu wissen begann, ach, aber ungeborgen und hier –, ganz warm wird euch im Vergehen.
Die Schonzeit ist vorbei. Schlag still, wir brechen herein, die Pegel steigen und steigen. Es gibt kein Zurück, keine Pause; keine Form, in die ich mich fügen, an die ich mich schmiegen kann.
Wenn wir erst überall sind, wächst dieses Sehnen nach einem Berg, der mich aufhält, in den ich mit meinen Zähnen die Daten schlage, das A und das O. Langsamer werden im Sturz, Schlussläufer sein, abgelaufen über die Zeit, davon träume ich dann und davon, als es noch Schwarz gab und Dörfer.
Da hatten die Herzen Kammern und Klappen, die sie verschlossen. Vorhöfe flimmerten da, und an einer Sekunde, einer Schrecksekunde entlang war es einmal ganz still.


Geboren am Rosenmontag 1958 in Wuppertal-Elberfeld als zweites von vier Kindern; Grundschule, Geigenstunden, Gymnasium in Wuppertal-Cronenberg; 1968 Klosterschule und Wohnwagenleben in Essen-Werden; Umzug in die Bischofsstadt Mainz, Klosterschule und Flucht. Kerstin Kempker kam über die Schweiz, Lüneburg und Winsen/Luhe nach Nürnberg und wurde Industriekaufmann; in Hildesheim wurde sie Schwesternhelferin, holte das Abitur nach und gelangte über Hannover 1984 nach Berlin, wo sie Medizin, Sinologie und Sozialarbeit studierte, Letzteres abschloss und für ihre beiden Töchter Kinderläden gründete. Von 1996 bis 2001 leitete sie das Berliner Weglaufhaus, eine Kriseneinrichtung für Psychiatrieflüchtlinge, und war Autorin und Herausgeberin mehrerer Bücher zur Psychiatrie. Seit 2002 freiberuflich aktiv, organisierte sie ein Literaturfest für den Behindertenbeauftragten des Bundes und die deutsche Teilnahme an einen Aktionsprogramm der EU gegen Diskriminierung, war beteiligt an einer Autorenwerkstatt im Literarischen Colloquium Berlin und am 5. Autorinnenforum Berlin-Rheinsberg, ist die 'dritte Hand' im Antipsychiatrieverlag ihres Mannes, in der Hauptsache aber als Autorin in fiktiven Räumen unterwegs.

2021 Werkstipendium des Deutschen Literaturfonds e.V.
2020 Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste Berlin
2019 Arbeitsstipendium Berliner Senat
2017 Werkstipendium Deutscher Literaturfonds e.V.
2014 New-York-Stipendium des Deutschen Literaturfonds
2013 Werkstipendium Deutscher Literaturfonds e.V., Darmstadt
2012 Aufenthaltsstipendium Künstlerhaus Edenkoben
2009 Aufenthaltsstipendium Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf
2008 Aufenthaltsstipendium der Stadtmühle Willisau, Schweiz
2007/2008 Werkstipendium Deutscher Literaturfonds e.V., Darmstadt
2005 Aufenthaltsstipendium der Stiftung kunst:raum sylt quelle
2004 OpenNet-Gewinn der 26. Solothurner Literaturtage, Schweiz
2003 Erster Preis (zusammen mit Birgit van der Leeden) im 7. Harder Literaturwettbewerb, Österreich

Bruderherz. Ein Flimmern. Roman. Nimbus: Wädenswil (Schweiz) 2017.
Nur die Knochen bitte. Eine Übergabe. Kurzprosa. Mit Illustrationen von Paula Kempker. Nimbus: Wädenswil (Schweiz) 2014.
Die Erfüllung der Wünsche. Eine Übung. Roman. Nimbus: Wädenswil (Schweiz) 2014.
Das wird ein Fest. Roman. Nimbus: Wädenswil (Schweiz) 2012.
Die Betrogenen. Roman. Kitab: Klagenfurt/Wien 2007.
Mitgift. Nacherzählung einer Jugend. Notizen vom Verschwinden. Antipsychiatrieverlag: Berlin 2000.

Literaturportal Berlin-Brandenburg: www.literaturport.de
Literaturnetz Nordrhein-Westfalen: www.literaturnetznrw.de

Teure Verständnislosigkeit. Die Sprache der Verrücktheit und die Entgegnung der Psychiatrie. Antipsychiatrieverlag: Berlin 1991.
Flucht in die Wirklichkeit. Das Berliner Weglaufhaus. Antipsychiatrieverlag: Berlin 1998.
Statt Psychiatrie (Hg. mit Peter Lehmann). Antipsychiatrieverlag: Berlin 1993.

Dein Traum, Mann. In: Die Taubenjägerin. Leipzig 2014.
Ein Bruch. In: Vokabelkrieger VII Glück. Sylt / Berlin 2013.
Am Bischof vorbei – Ins Gebibber. In: Angst, Konkursbuch 46. konkursbuch Verlag: Tübingen 2007.
Ein Blick. In: Erzählungen aus Rheinland-Pfalz. Heike Eckstein (Hg.). Iatros-Verlag: Dienheim 2006.
Ein Fall. In: Beckenbauer zertritt kleine Tiere. MDR-Literaturanthologie Band 10. Faber & Faber: Leipzig 2006.
Alles ins Reine. In: Schreiben, konkursbuch 44. konkursbuch Verlag:Tübingen 2006.
Der Himmel kann bleiben. In: Scham, konkursbuch 43. konkursbuch Verlag: Tübingen 2005.
Der Immerschwimmer, Zwischenbilanz. In: Cara Wuchold (Hg.),Tapetenware. Kollektion Prosa 2004. BoD Norderstedt 2004.
Warten. In: Neue Kurzgeschichten aus drei Ländern. Hecht Verlag: Hard 2003.
Wunschkind. In: Harald Braun (Hg.), Briefgeheimnis. Allegra-Literaturwettbewerb. CORA Verlag: Hamburg 2003.

Prosa in Zeitschriften und auf Tüten:
Ohne Form sind wir Staub. In: Sinn und Form: Berlin 2021.
Die stumme Haut. In: Am Erker 78: Münster 2020.
Einer muss wachen. In: Sinn und Form: Berlin 2018.
Ach Laederach. In: Manuskripte: Graz 2018.
Im Widergang. In: Am Erker 70: Münster 2015.
Dein Traum, Mann. In: Die Taubenjägerin: Leipzig 2014.
Ein Bruch. In: Vokabelkrieger: Sylt 2013.
Ein Klang. In: OSTRAGEHEGE Nr. 61: Dresden 2011.
Handtasche. In: Lesefutter: Bremen 2011.
Also, Vögel brauchst du. In: Lesefutter: Bremen 2011.
Strandabgang. In: Ein Magazin über Orte No. 7: Berlin 2010.
Ein Sturz. In: Schreibkraft, Ausgabe 19: Graz 2010.
Eine steile östliche Stadt. In: Lesefutter: Bremen 2010.
Mein U-Bahn-Mann. In: Lesefutter: Bremen 2010.
Und abends auf dem Entenstrich. In: Federwelt Nr. 79: München 2009.
Himmel und Erde. In: Macondo Edition Zwanzig: Bochum 2008.
Berta fünf. In: Am Erker Nr. 56: Münster 2008.
Mein Mann für diesen Tag. In: Macondo Edition Neunzehn: Bochum 2008.
Wie war die Nacht. In: Lesefutter: Bremen 2008.
Ich bin so frei. In: Lesefutter: Bremen 2007.
Lange Nacht (Auszug). In: Lichtungen Nr. 109: Graz 2007.
Schwestern der Nacht. In: Lesefutter: Köln-Bremen 2007.
Oberer Totpunkt. In: Macondo Edition Sechzehn: Bochum 2006.
Felicitas taugt nicht für Katastrophen. In: Lesefutter. o.V.: Köln-Bremen 2006.
Für alle Fälle. In: Macondo Edition Fünfzehn: Bochum 2006.
Ein Fall. In: Mitteldeutscher Rundfunk triangel: Halle 2006.
Und abends auf dem Entenstrich. Verlorensuche zu Land und zu Wasser (Auszug). In: perspektive 52: Graz 2006.
Unser tägliches Brot. In: Lesefutter: Köln-Bremen 2006.
Die Police. In: Lichtungen Nr. 104: Graz 2005.
Yoga für kleine Schriftsteller. In: Am Erker Nr. 50: Münster 2005.
Vorfreude. In: entwürfe Ausgabe 43: Zürich 2005.
Ein Fall. In: Schreibkraft Ausgabe 12: Graz 2005.
Yes, Sir. In: Der Dreischneuß Nr. 17: Lübeck 2005.
Wie Bleiben gehen kann. In: Macondo Edition Dreizehn: Bochum 2005.
Herr Busfahrer. In: Schreibkraft Ausgabe 11: Graz 2004.
Das Gelächter. In: Macondo Edition Elf: Bochum 2004.
Kleine Runde. In: Lichtungen 98: Graz 2004.
Vita minima. In: neue deutsche literatur, 555. Heft: Hamburg-Berlin 2004.
Besser keiner. In: ausser.dem Nr. 11: München 2004.
Unser tägliches Brot. In: Macondo Edition Zehn: Bochum 2003.
Übermorgen. In: Federwelt Nr. 40: Söhlde 2003.
In drei Tagen durch die ABM, Teil I und II. In: Freitag, Ausgaben 36 & 37: Berlin 2002.
Hotel Stadtrand. In: Freitag, Ausgabe 7: Berlin 2002.

Autor*innenauskunft

Aktualisiert 09.12.2020